Dr. Edgar Günther-Schellheimer

              

Mitglied des Vorstandes der Internationalen Makarenko-Gesellschaft und

der„Libor-Pecha-Gruppe [1] - Wegbereiter Anton Makarenkos für heute und morgen“

 

Zum 120. Geburtstage von Anton Makarenko am 13. März 2008

 

Fleckenbühl, gegr. 1984 in Hessen/ BRD

und

Makarenkos Resozialisierungseinrichtungen 1921 – 1935 in der Sowjetukraine

 

Überlegungen nach unserem Treffen vom 6. bis 8. Juli 2007 „auf den Spuren Makarenkos“ in Fleckenbühl/Schönstadt bei Marburg („Suchthilfe Fleckenbühl e.V.“)

 

Gemäß unserem Credo als Wegbereiter Makarenkos, die Aktualität und Lebenskraft der Pädagogik Makarenkos aufzuzeigen,  interessierten wir uns dafür, ob und wie sich Ideen Makarenkos in dieser Gemeinschaft wiederfinden. Wir hatten uns einer Gruppe von Studenten der Universität Marburg angeschlossen , die sich im Rahmen des Proseminars „Alternativ leben, alternativ arbeiten, alternativ aufwachsen – Kommunen in Deutschland“ unter Leitung von Götz Hillig bereits zum wiederholten Mal Makarenkoseminar unter Leitung von Götz Hillig in Fleckenbühl aufhielten. Auch sie gingen dieser Frage nach.

 

Irene und Ingo Warnke gründeten Synanon International – zuerst unter dem Namen „Release Berlin e.V.“ – im Oktober 1971 in Berlin Kreuzberg in einem leerstehenden Fabrikgebäude. Nüchtern geworden waren sie Ende Mai 1971 in Heidelberg, konnten aber ihren nüchternen Kurs, d.h. den absoluten Verzicht auf Drogen, im Heidelberger Haus gegen die alten Bewohner nicht durchsetzen. Ronald Meyer, der jetzt den Verein und die GmbH Suchthilfe Hof Fleckenbühl leitet,  kam im selben Herbst in Berlin dazu, Helga lebte damals noch „draußen“ und war die Freundin von Ronald. Ein Jahr Später kam Ingrid Kaftan zu Synanon.

Anfangs nicht unmittelbar von Makarenko ausgehend wurden sie durch Thomas Ehleiter[2] auf ihn aufmerksam gemacht. Er hatte mit Ingo zusammen in den 1960er Jahren Psychologie studiert und war viele Jahre ein Freund und Begleiter der Gründer von Synanon wo er auch unterrichtete. Von ihm bekamen sie das „Pädagogische Poem“ – Makarenkos Erziehungsroman „Der Weg ins Leben“ -  zum Lesen. Sie fanden sich in der Atmosphäre der Gorki-Kolonie wieder, fühlten sich durch Makarenko bestätigt und wurden angeregt, Ähnliches zu machen.  So wurde in Berlin nach der Lektüre des Buches z.B. die Losung aus der Gorki-Kolonie  „Nicht jammern“ begeistert übernommen,  im Speisesaal hängte man ein Transparent mit dieser Forderung  auf. Auch die Regel „ Sich nicht anlehnen!“ wurde übernommen. Das entsprach dem Streben danach, ein gestärktes Selbstbewusstsein auch durch die  Körperhaltung zum Ausdruck zu bringen..

Als ich 1990 Ingo Warnke näher kennen lernte, bezog er sich ausdrücklich auf Makarenko.[3] In einem Brief, in dem er sich im September 2007 zum Entwurf dieses Beitrags äußerte, schrieb er : „Makarenko war mir immer besonders nahe, weil er seine Kinder ehrlich mochte und achtete.“

 

Zur Geschichte der „Suchthilfe Fleckenbühl“.[4]

 

Am 1. September übernahm Synanon International den noch verbleibenden Teil des ehemaligen  Kasseler Stadtgutes. Bis dahin war Synanon eine „Großstadt-Kibbuz“.  Nun sollte als Ergänzung zur Stadt eine Gemeinschaft auf dem Land entstehen, die eine ausreichende Nutzfläche für einen landwirtschaftlichen Betrieb hatte. Die Gründer gingen davon aus, dass die Landwirtschaft vielfältige Arbeitsbereiche hat, die auch für Ungelernte und Unbegabte sinnvolle Tätigkeiten bietet. Bis 1987 leitete Ingo Warnke diese Außenstelle von Synanon, ging dann aber wieder nach Berlin zurück und drei Jahre später übernahm Ronald Meyer die Leitung des Hofes, der selbst lieber in Berlin als Leiter der dortigen Druckerei geblieben wäre. Aber diese Lösung erwies sich als notwendig und sinnvoll, um die damals in zwei Gruppen ziemlich zerstrittene Gemeinschaft wieder zusammen zu fügen.

Sehr negativ wirkte sich später jedoch aus, dass der Geschäftsführer von Synanon International in Berlin einen regelrechten Kleinkrieg gegen Fleckenbühl entfacht hatte, dass nur noch eine Trennung sinnvoll erschien. Aus Synanon Hof Fleckenbühl wurde die selbständige juristische Person  „Suchthilfe Hof Fleckenbühl e.V.“ mit Ronald Meyer als Vorsitzenden. Sie setzte auch später, als die Berliner Einrichtung in Turbulenzen geriet und vieles vom ursprünglichen Synanon aufgab, laut Verständnis der Fleckenbühler, die eigentliche Synanonlinie fort.   

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SYNANON entstand nahezu ein halbes Jahrhundert nach der Entwicklung des Erziehungssystems Makarenkos in der Gorki-Kolonie und der Dzierzynski-Kommune  - aber ohne dass sich die Gründer von SYNANON INTERNATIONAL damals unmittelbar darauf bezogen hätten.

Die Zeiten und die Lebensumstände haben sich natürlich seit der Gorki-Kolonie und der Dzierzynski-Kommune grundlegend verändert. Makarenko hatte es in den 1920er und 1930er Jahren mit obdachlosen und verwahrlosten Kindern und Jugendlichen unter äußerst ärmlichen Verhältnissen nach Revolution und Bürgerkrieg in Russland und der Ukraine in Einrichtungen fernab von den Zentren der Zivilisation und Kultur zu tun. Das gesellschaftliches Umfeld von Kolonie und Kommune war eine sich entwickelnde sozialistische Gesellschaft mit gesellschaftlichen Eigentumsformen in der Industrie und dem Übergang zur Kollektivierung der Landwirtschaft sowie einer breiten Entwicklung des Bildungswesens,  von der  Alphabetisierung der Nicht-Lese- und Schreibkundigen bis zur Bildung von Arbeiterfakultäten zur Vorbereitung auf die Hochschule.

Die Erfahrungswelt der Kolonisten und Kommunarden war geprägt vom  Kampf um die neue gesellschaftliche Ordnung gegen den Widerstand der entmachteten Ausbeuterklassen. Viele hatten den Bürgerkrieg miterlebt, was sie empfänglich für militärische Organisationsformen im Alltag ihrer Kollektive in Kolonie und Kommune machte.

Es gab damals in der jungen Sowjetunion einen großen Bedarf an höhergebildeten Fachkräften auf allen Gebieten, sodass die Jugendlichen nach der Kolonie und der Kommune alle einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz fanden, meist auch in dem gewünschten Beruf. Fleckenbühl  entstand in einem modernen und reichen Land, in einem entwickelten Industriestaat und hat in den vergangenen Jahren dazu noch sein Wirken bis in die Großstadt Frankfurt am Main ausgedehnt. Die Bewohner sind ehemalige Drogensüchtige sowie Alkoholabhängige aller Altersstufen, vor allem im Erwachsenenalter. Das Umfeld ist ein  sich sehr dynamisch verändernder Arbeitsmarkt und eine Marktwirtschaft mit ihrem Auf- und Ab,  auf die sich die Ausrichtung der Produktion und die Berufsausbildung auf Gut Fleckenbühl mit seinen Nebenwirtschaften einstellen musste. Die Aufgaben der Organisation des Gemeinschaftslebens und der Organisation der Produktion regeln sich durch die Satzungen eines eingetragenen Vereins und durch eine GmbH, deren Geschäftsgegenstand wie folgt bestimmt ist:

„Gegenstand des Unternehmens ist: 1. Die Gesellschaft unterhält Einrichtungen und Gemeinschaften, in denen Süchtige arbeiten und wohnen und wo sie lernen können, ein Leben ohne Suchtmittel zu führen. Im Rahmen dieser Einrichtungen wird die Gesellschaft Zweckbetriebe[5] (§§ 65 ff. der AO [6] -  das ist die  Finanzrichtlinie zur Abrechnung gegenüber dem Finanzamt – die Autoren) betreiben.“ [7]

Der Vorsitz des Vereins und der GmbH liegt in den Händen von Ronald Meyer,

womit eine wesentliche Grundlage für eine einheitliche – soziale und wirtschaftliche -  Leitung der Gemeinschaft gegeben ist.

 

Zur Charakterisierung der Resozialisierungssysteme der Einrichtungen

 

Seinen Ursprung hat das Resozialisierungssystem der Suchthilfe Fleckenbühl in den Methoden der „Anonymen Alkoholiker“(AA).Bei ihnen wurde der Säufer Chuck Dederich 1956 nüchtern und begann 1958 in Santa Monica, Kalifornien. Er adaptierte vieles von den AA aber nicht deren „Höhere- Macht-Konzept“ (Gott, wie ihn ein jeder versteht). SYNANON hatte jedoch  in den USA keinen Bestand. Es existiert gegenwärtig nur in Deutschland, wo es 1971 in Berlin-Kreuzberg seinen Anfang nahm.

Ingo Warnke hatte  1969 von der Einrichtung in Kalifornien durch eine Studie von Lewis Yablonsky „The Tunnel Back“ erfahren. Das Buch wurde Anstoß und Leitfaden für das deutsche Unternehmen.  Im Unterschied zu den „AA“ wurde SYNANON eine ständige Lebensgemeinschaft, während sich die „AA“ nur gelegentlich zu ihren Gesprächen treffen.

SYNANON folgt aber jenem Ansatz der „Anonymen Alkoholiker“, der darauf gerichtet ist, mit Hilfe der sprachlichen Kommunikation von der Sucht wegzukommen. Deshalb steht im Zentrum der gegenseitigen Beeinflussung zur Überwindung des Suchtverhaltens und aller damit in Verbindung stehenden Persönlichkeitsprobleme neben der gemeinsamen und vor allem produktiven Arbeit das SYNANON-SPIEL.

 

Ronald Meyer beschreibt das Spiel wie folgt:

 

Die Bezeichnung „Spiel“, so wie sie von uns verwandt wird, ist ein wenig ein irreführender Begriff. Denn er meint nicht, was landläufig unter einem Spiel verstanden wird. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Form des Gesprächs in einer nach bestimmten Kriterien zusammengesetzten Gruppe von Menschen. Dieses Gespräch findet im Kreis statt. Der Inhalt des Gesprächs ist dabei nur geringen Einschränkungen unterlegen. So sollte z.B. nur von jemandem die Rede sein, der mit im Kreis sitzt, und es sollte nicht über Technisches oder Organisatorisches gesprochen werden. Grundsätzlich sind die Spielinhalte bestimmt durch die Probleme und Schwierigkeiten, die der Einzelne mit sich selbst oder mit einem anderen Spielteilnehmer hat. Gewalt und die Androhung von Gewalt sind selbstverständlich verboten. Mehr Regeln gibt es nicht....

Für das Spiel gilt grundsätzlich, dass Rang und Status ohne Bedeutung sind. Es gibt keinen Spielleiter, niemanden der den anderen übergeordnet wäre.....

Das Spiel ist, neben der gemeinsamen Arbeit, gemeinschaftlichem Essen und gemeinsamen Wohnen, ein Eckpfeiler des Zusammenlebens. Alle nehmen daran teil. Dem Spiel obliegt dabei sozusagen die Schattenseite der Gemeinschaft und des Einzelnen.

Im Spiel kümmern wir uns um den Bereich, der nicht funktioniert, der nicht rund läuft, der uns und unseren Mitmenschen Schmerzen und Kummer bereitet, der Ärger verursacht. Es ist ein Teil in uns oder in unserer Gemeinschaft, den wir gerne – wie wahrscheinlich anderswo die Menschen auch – nicht zur Kenntnis nehmen wollen. Dem neuen Mitglied der Gemeinschaft hilft es vor allem dabei sich einzufinden, zu erfahren, wie er auf die anderen wirkt und was die Gemeinschaft von ihm erwartet. Es  hilft ihm, sich einzufügen und sich anzupassen. Hier ist das Spiel sehr effektiv und sicherlich der Hauptgrund, warum es bei uns kaum Disziplinprobleme gibt.

Mit längerer Dazugehörigkeit lernt der Einzelne aber auch, das Spiel zu nutzen. Er ist dann nicht nur Empfänger von Informationen, sondern beginnt mehr und mehr eigene Vorstellungen, Ansichten, Ideen ins Spiel zu bringen und von anderen Spielteilnehmern Antworten herauszufordern ......

Chuck Dederich, der Gründer Synanons und Erfinder des Synanon-Spiels in den Vereinigten Staaten, verglich diesen Vorgang mit dem Auseinandernehmen einer schönen, mechanischen Uhr. Wenn man sie nicht von Zeit zu Zeit auseinander nimmt, , reinigt, ölt und wieder zusammensetzt, wird sie ungenau, bis zu dem Zustand, dass sie überhaupt nicht mehr läuft.

So treffen wir uns immer wieder im Spiel, um zu überprüfen, ob die Grundlage unserer Beziehungen, unsere Ansichten, unsere Annahmen über unsere Mitmenschen, die Gemeinschaft und die Welt allgemein usw. immer noch stimmen, oder ob sie nicht einer Überarbeitung bedürfen[8].

 

Dieses „Spiel“ hat das Ziel,  den Bewohnern von Fleckenbühl dabei zu helfen, Probleme des Gemeinschaftslebens und der Überwindung von Verhaltens- und Denkweisen aus dem früheren Leben als Süchtige und oftmals als Kriminelle zu bewältigen und zu einem neuen Selbstbewusstsein und zur bewussten Einhaltung neuer sozialer Normen zu gelangen.

Die Vergangenheit wird dabei immer wieder in den Vordergrund des Bewusstseins geholt. Da es sich hier um Erwachsene mit ausgeprägten Charakteren handelt, ist ein solches Spiel machbar, obgleich es, wie wir erkennen konnten, mit meist sehr harten, ungehemmt geäußerten gegenseitigen Anschuldigungen bezüglich Fehlverhalten und auffälligen Charaktereigenschaften Einzelner oftmals an der Grenze des Zumutbaren und der Verletzung des Ehrgefühls verläuft. Nach dem Spiel sollen aufgebrochene Konflikte wieder vergessen bzw.„geglättet“ werden; das wird symbolisch durch ein gemeinsames Verspeisen eines gut schmeckenden Kuchens vollzogen.

 

In den von Makarenko geführten Erziehungseinrichtungen wurde strikt die Regel befolgt, die Vergangenheit seiner Zöglinge, die im Heranwachsendenalter standen,  nicht mehr zu berühren und zu erwähnen, ja es wurde ihnen untersagt, darüber zu sprechen. Die „Verwahrlostenromantik“, die in den Erinnerungen der Zöglinge einen großen Platz einnahm, sollte völlig verdrängt und durch ein neues, an die Lebens- und Arbeitsumstände in Kolonie und Kommune anknüpfendes Fühlen und Denken ersetzt werden, in dem die Freude auf den morgigen Tag, auf ein neues und nützliches Leben dominierte. Die Kommunikation in den Kinder- und Jugendkollektiven, die Auseinandersetzungen mit Verhaltens- und Denkweisen orientierte sich an den Normen des Gemeinschaftslebens und insbesondere der Arbeitsorganisation.

Auch bei SYNANON und in Fleckenbühl, ist es nicht erlaubt, außerhalb des Spiels von der Vergangenheit zu reden. Falsches Verhalten, wie Sucht und Kriminalität, muss nicht „erklärt“ sondern verändert werden. Über Vergangenes kann auf den Synanon-Spielen gesprochen werden: “Erzähle Deine Geschichte!“ . Vergangenes wird aber nicht als Begründung für falsches Verhalten akzeptiert.

 

 

 

Zu den Ähnlichkeiten beider Einrichtungen und Resozialisierungssysteme

 

Wir möchten diese Ähnlichkeiten im folgenden thesenartig, auf das Wesentliche begrenzt, aufzählen. Wo es uns erforderlich erscheint, werden ausführlicher Darstellungen gegeben.

 

 

- Der Übergang zu einer neuen Lebensweise erfolgt explosionsartig.

 

In der Dzerzhinskij-Kommune, Makarenkos späterer Einrichtung, wurde die alte Kleidung verbrannt, die Abkehr vom Straßenleben der Verwahrlosten wurde durch diesen Akt symbolisch vollzogen.

 

Auch bei SYNANON in Berlin und in Fleckenbühl wurde ( so beobachtet im Jahre 1990) dem Neueintretenden  die alte Kleidung abgenommen und durch den „Blaumann“, eine Arbeitskleidung ersetzt (in Fleckenbühl jetzt nur noch in Extremfällen, falls die Einordnung in das neue Leben und die Befolgung von  Pflichten vor der Gemeinschaft mit Komplikationen  verläuft).

 Die Trennung vom bisherigen Leben auf der Straße als Drogenabhängiger wird bei Synanon/Fleckenbühl durch eine besondere  Verhaltensregel verstärkt, und zwar durch eine sechsmonatige Kontaktsperre, in der keinerlei direkte Verbindungen zu Personen des bisherigen Lebens, einschl. zu Verwandten erlaubt sind.

 

Um die Zöglinge in der Kolonie und Kommune vom bisherigen Milieu zu trennen, bedurfte es bei Makarenko nur der „Einlieferung“ bzw. Aufnahme in die Erziehungseinrichtung.

 

   Der Tagesablauf ist bis ins Kleinste geregelt.

 

-   In der neuen Gemeinschaft sind Forderungen kategorisch zu befolgen.

 

-   Beides sind offene Einrichtungen, alle Türen sind unverschlossen, die Einrichtung soll damit als  das gemeinsame, eigene Heim wahrgenommen und erlebt werden.

 

 -     Arbeit zur Erhaltung des Gemeinschaftslebens (Aufrechterhaltung von Ordnung und     Sauberkeit, Selbstversorgung usw.) ist Pflicht.

 

-         Jeder nimmt an produktiven Tätigkeiten  der Gemeinschaft  teil und hat die Möglichkeit, sich dabei berufliche Fähigkeiten und Fertigkeiten anzueignen und zwar als eine Voraussetzung,  später in modernen Berufen tätig zu sein.

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-          Der Gewinn aus der produktiven Arbeit dient dem Unterhalt der Einrichtung, alle Einnahmen wandern in die gemeinsame Kasse und werden für die Gemeinschaft ein- gesetzt Es gibt keine Löhne und keine Gehälter. Angestellte gibt es nur im Arbeitsbereich, z.B. ein Tischlermeister als Ausbilder. Grundsätzlich gibt es keine Therapeuten.

 

 

-         .

 

-         Der Produktionsprozess ist zumindest in der Gorki-Kolonie als konstitutives Element den sozialpädagogischen Aufgaben untergeordnet. Dem dient die Einheit von sozialpädagogischer und ökonomischer Leitung;  der Leiter trägt die Gesamtverantwortung und verfügt über alle Vollmachten für die Organisation und Verwaltung  des Gemeinschaftslebens einschließlich der Produktion. 

 

-         Selbstverwaltung, die Vollversammlung als „gesetzgebendes“ Organ.

 

Dazu teilt Ingo Warnke mit: „Alles wurde zunächst in den Synanon Spielen besprochen, aber es wurden keine Entscheidungen getroffen. Dazu gab es die Altengruppe als Beschlussgremium. Sie tagte öffentlich, und jeder konnte Anträge zur Entscheidung stellen. Später, als wir mehr als ein Haus bewohnten, kamen der Kleine und der Große Synanon-Rat (eine 3 Tage Vollversammlung) hinzu.

Wir haben nie abgestimmt sondern entweder so lange diskutiert, bis Einigung erzielt war, oder nacheiniger Diskussionszeit einen Beschluss auf Zeit gefasst, der nach ein bis zwei Monaten gemeinsam überprüft wurde.“

 

-         Gleichheit in den Pflichten und ungleiche Verantwortlichkeiten

 

         In Fleckenbühl werden entsprechend den Erfahrungen des Einzelnen Verantwortlichkeiten durch die Leitung übertragen. Die Leitung wird von den „Alten“ ausgeübt, zu denen auch Gründer der Einrichtung  gehören;

 je länger der Aufenthalt und/oder je größer die gesammelten Erfahrungen des Einzelnen, um so größer sind die Verantwortlichkeiten und Vollmachten, die übertragen und übernommen werden.

 

 . In der Gorki-.Kolonie und in der Dzierzynski-Kommune bekam jeder Zögling Verantwortung (Vollmachten) durch das Kollektiv, seine Organe,   bzw. durch  den Kommuneleiter übertragen.

 

 

Ausgehend von der Spezifik der Bewohner der Einrichtungen – vor allem der Altersstruktur -  gibt es grundsätzliche Unterschiede in der Struktur der Gemeinschaft und der Methodik der gegenseitigen Erziehung in der Gemeinschaft.

 

Für eine Einrichtung zur Resozialisierung ehemaliger verwahrloster, obdachloser Kinder und Jugendlicher entwickelte Makarenko die Methodik der Erziehung im und durch das Kollektiv.

Im Laufe der Entwicklung der Gorki-Kolonie formte sich eine bestimmte Struktur (den „Schnitt“) des Kollektivs heraus. Sie ist gekennzeichnet durch

Primärkollektive, die nicht weniger als 7 und nicht viel mehr als 12 Mitglieder haben dürfen

( mit weniger als sieben Mitgliedern wird ein Primärkollektiv zu einem relativ intimen Freundeskreis, der die Tendenz  hat, sich von der Gesamtgemeinschaft abzusondern und dessen Interessen nicht mehr wahr zu nehmen; sind es mehr als 12,  zerfällt das Primärkollektiv nach bestimmter Zeit in Gruppen).

 

Diese Primärkollektive fungierten als ständige Struktureinheit des Gesamtkollektivs. Die günstigste Variante des Primärkollektivs, die Makarenko fand,  war die „Verschiedenaltrige Abteilung“, die sich aus Kindern und Jugendlichen unterschiedlichen

 Alters , also aus Ältern und Jüngeren zusammensetzte und eine hohe Stabilität  und Existenzdauer erreichte. Diese Kollektive wurden zu einem langjährigen Träger gefestigter Verhaltensweisen. (Ältere verlassen das Kollektiv, Jüngere rücken nach, bzw  werden aufgenommen).

In den Primärkollektiven erfolgte durch den unmittelbaren sozialen Kontakt (deshalb auch als  Kontaktkollektiv bezeichnet) die gegenseitige Erziehung. Diese Kollektive waren Grundeinheiten des Gesamtkollektivs (des Grundkollektivs der Einrichtung) und auf vielfältige Weise mit dem Ganzen verbunden. So bildeten die Leiter (Kommandeure) der Primärkollektive den „Rat der Kommandeure“,  als das Organ der Selbstverwaltung der Kolonie,  das den geregelten Tagesablauf sicherte.

Neben den ständigen Primärkollektiven wurden zeitweilige Einsatzgruppen für die Erledigung bestimmter Aufgaben gebildet. Als Leiter dieser Gruppen wurden Mitglieder der Primärkollektive eingesetzt, die dort keine Leitungsfunktionen hatten , und die Leiter der Primärkollektive waren den Leitern der Einsatzgruppen untergeordnet. So ergab sich ein ständiger Wechsel in den Positionen als Leiter und als ausführendes Mitglied. Damit wurden zwei Ziele erreicht: eine möglichst große Zahl von Zöglingen kam zeitweilig in die Position eines Leiters; zum anderen wurde verhindert, dass sich immer die gleichen Zöglinge in der Position von Leitern befanden; so konnte sich keine „Leiterkaste“ herausbilden.

 

In der Gemeinschaft Fleckenbühl werden Einsatzgruppen nach den verschiedenen Tätigkeits-  und Arbeitsbereichen - meist nach freier Entscheidung der Hofmitglieder - gebildet.Ingo Warnke erläutert dazu: „Bei uns gab es den Zimmerältesten, der für seine Leute und die Ordnung im Zimmer verantwortlich war. Der wechselte öfter, gelegentlich erhielt ein bewährter Ältester ein schwieriges Zimmer.

Alle Arbeitsbereiche hatten einen verantwortlichen Leiter, sowohl die gewerblichen als auch die anderen (Küche, Verwaltung, Haustruppe etc.).

Für besondere Projekte  und/oder Arbeiten gab es spezielle Einsatzgruppen, z.B. für die Reparatur eines neuen Hauses, eine besondere Auftragsarbeit ausführen. In der Landwirtschaft wurden damit Arbeitsspitzen abgesichert (Rüben verziehen, Steine aufsammeln, Ernteeinsätze usw.).“

 

 In den Leitsätzen von Fleckenbühl heißt es :

„Alle stellen ihre Fähigkeiten und ihre Arbeitskraft der Gemeinschaft zur Verfügung. Jedes Mitglied setzt seine Fähigkeiten uneigennützig zum Wohle der Gemeinschaft ein. Wir geben unser Bestes und teilen unser Wissen und unsere Erfahrungen mit den anderen Bewohnern. Bei allen Überlegungen und Unternehmungen steht der Gemeinnutz vor dem Eigennutz.“

„Die Gemeinschaft sorgt für den Einzelnen. Es ist für  jedes  Mitglied eine sinnvolle Tätigkeit vorhanden. Jeder hat die Möglichkeit zu lernen, sein Wissen zu ergänzen und seine emotionalen und schöpferischen Fähigkeiten zu entdecken und zu entwickeln. Die Gemeinschaft hilft dem Einzelnen, einen Sinn für sein Leben zu finden, Selbständigkeit zu lernen und verantwortlich für sich uns seine Umwelt zu werden.“

 

 

Die gegenseitige Erziehung erfolgt bei der Arbeit und im täglichen Leben und wird vor allem durch das „SYNANON-SPIEL“ gefördert – so wie Ronald Meyer (s.oben) es schilderte..

Worauf sind die Ähnlichkeiten zwischen der Gemeinschaft Fleckenbühl und den Erziehungseinrichtungen Makarenkos  zurückzuführen?

 

Unsere hypothetische Antwort:

 

Ihre  Gründer und Leiter hatten wahrscheinlich ähnliche Ausgangspositionen, Auffassungen, Zielstellungen .

 

In beiden Einrichtungen ging es darum, asoziale Lebensweisen zu überwinden, Gestrauchelte in ein neues selbstbewusstes und gesundes Leben zu führen, das erfüllt ist von  gemeinschaftsbildendem, gesellschaftlich nützlichem Handeln.

 

Die Leiter (Gründer) waren von einem großem Optimismus („ein Mensch, wie stolz das klingt!“) und von hohen humanistischen Idealen geprägt, von Ideen des Kommunelebens, gewissermaßen von „kommunistischen“ Vorstellungen und Idealen, von Vorstellungen über ein Leben in einer Gemeinschaft, deren Mitglieder gleiche Rechte haben und freiwillig Pflichten für das Leben in der Gemeinschaft übernehmen, in der es kein Privateigentum an Produktionsmitteln gibt.

 

Sie waren überzeugt von der persönlichkeitsbildenden Kraft produktiver Arbeit und kameradschaftlicher Kommunikation, die das  Selbstwertgefühl und Selbstbewusstsein des Einzelnen stärken.

 

Produktive Arbeit ist konstituierendes Element der Gemeinschaft.

 

Die Übertragung von Verantwortlichkeiten und die Selbstverwaltung der Gemeinschaft werden als grundlegende Methoden der Persönlichkeitsentwicklung praktiziert.

 

Ingo Warnke fügt hinzu: „ Ähnlichkeiten kommen, so vermute ich, aus

1.)    ähnlichen Ausgangslagen: Notsituation zwingt, mit den vorhandenen sehr begrenzten Möglichkeiten Lösungen zu finden (Dach über dem Kopf, Essen, Lernen usw.). Dabei ist eine Gemeinschaft den Einzelkämpfern gegenüber besser dran – Geteiltes Leid  ist halbes Leid usw.

2.)    keinen eigenen privaten Interessen: Anton wollte nichts für sich, ich auch nicht. Ich halte das für sehr wichtig, aber da es so edel  klingt, redet man nicht darüber.“

 

 

 

 

 

Abschließend sei bemerkt:

 

Beide Einrichtungen haben eine in die Zukunft gerichtete Bedeutung, im Sinne der Losung alternativer Vereinigungen der Gegenwart:

 

„Eine andere Welt (als die kapitalistische) ist möglich !“

 

 Makarenkos Einrichtungen waren mit  ihren Elementen kommunistischer Beziehungen weit in die Zukunft gerichtet.

 

 Auch Fleckenbühl stellt eine Alternative zur kapitalistischen Lebens- und Produktionsweise dar. Die Gemeinschaft Fleckenbühl schwimmt gewissermaßen gegen den Strom, ist eine „Insel“  im Meer des Kapitalismus und muss sich ständig behaupten.

Makarenko konnte sich demgegenüber in den 1920er Jahren auf eine breite Bewegung der jungen sozialistischen Gesellschaft in der Sowjetunion stützen.

Er hatte Sympathisanten und Förderer in seinem Tätigkeitsbereich auch unter seinen Vorgesetzten und konnte sich auf viele gesellschaftliche Kräfte stützen. Doch musste er seine Neuerungen und seine Erziehungskonzeption auch im Kampf gegen Überlebtes, gegen alte Denkweisen durchsetzen und hatte gegen Anfeindungen seiner Ideen und seiner Praxis[9], vor allem in zentralen Verwaltungen (er nannte sie „Olymp“) zu kämpfen.

 

Schließlich wurde sein Wirken im Laufe der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft zunehmend eingeengt durch Bürokratisierung, ausschließlich gewinnorientierte arbeitsteilige Produktion sowie Enthumanisierung der Beziehungen, durch Deformierung  des sozialistischen Systems unter Stalin, wodurch letztendlich seine Einrichtungen untergingen und seine originelle Erziehungskonzeption im  Schul- und Erziehungssystems in der UdSSR in den Hintergrund gedrängt und negiert wurden.

Nach dem Tode Makarenkos wurde sein Werk kanonisiert, und es wurde versucht, es in den „realen Sozialismus“ einzuordnen. Damit verlor es seinen revolutionären Geist und seine belebende Frische.

 

Versuche, seine Konzeption in der Praxis lebendig zu halten, hatten in der UdSSR, wie auch in anderen „sozialistischen“ Ländern Inselfunktion,  stellen eine Alternative zur herrschenden Gesellschaftsordnung und ihrem Erziehungssystem dar  – wie auch gegenwärtig Fleckenbühl und andere Kommunen der BRD sowie einzelne Schulen und Heime im heutigen Russland, die den Ideen Makarenkos vor allem mit einer Erziehung durch kollektive produktive Arbeit folgen.

 

Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es viele dieser alternativen Inseln vor allem in Ländern Südamerikas gibt, wo ein Aufbruch zu neuen sozialen Systemen zu erkennen ist. Dort gibt es Einrichtungen, Schulen und Kommunen, in denen auch Ähnlichkeiten mit Makarenkos Konzeption zu erkennen sind, ohne dass man sich direkt auf Makarenko beruft.

 

 

 

 



[1] Am 7.8.07 bildeten Götz Hillig, Marburg,  Edgar Günther-Schellheimer, Mittenwalde-Motzen,  Jiri Haskovec, Prag, Volker Hoffmann, Berlin, Frohwald Naumann, Mülsen-Ortmannsdorf und Henk Nijman, Amsterdam eine Makarenkoforschungsgruppe, die dem Gedenken an Libor Pecha (1926 – 2002) gewidmet ist

 (siehe unter: www.makarenko.eu)

[2]  Der Psychologe Dr. Th. Ehleiter war ein enger Freund von Rudi Dutschke, entwickelte ein spezielles Lernprogramm für diesen, um die in  Folge des Attentats aufgetretenen Sprechstörungen zu überwinden. Als sich Rudi D. später auf eine Doktorarbeit vorbereitete, übersetzte Th. Ehleiter – er ist gebürtiger Ungar -  für ihn Texte von Georg Lucas ins Deutsche.

[3] Vgl.: E. Günther-Schellheimer: Makarenko in meinem Leben. NORA. 2005, S. 73-74.

[4] Viele Passagen über die Entstehung von Synanon und Fleckenbühl und über die Prinzipien dieser Gemeinschaft konnte  ich dank  einer Stellungnahme von Ingo Warnke formulieren.

[5] Zweckbetriebe sind Wirtschaftsbetriebe im gemeinnützigen Bereich, die dem Zwecke der Vereinigung dienen und keine reinen Kapitalbetrieb sind, die das Ziel verfolgen Gewinn zu erwirtschaften, über den die Gesellschafter frei verfügen können.

[6] AO ist die „Abgabenordnung“, das ist die Richtlinie zur Abrechnung der Ein- und Ausgaben gegenüber dem Finanzamt

[7] Auszug aus dem Handelsregister über die “Suchthilfe Hof Fleckenbühl. Gemeinnützige und mildtätige GmbH“. Marburg 16 HRB 2241

[8]vgl: Ronald Meyer. Das Spiel. In: Willkommen im Leben. 20 Jahre Fleckenbühl. 2004 S. 32 und 35

[9] die gab und gibt es aber auch gegenüber Synanon und Fleckenbühl!

Hier sollen weitere Erziehungs- und Resozialisierungs-einrichtungen genannt werden, die mit denen Makarenkos verglichen werden können und Ähnlichkeiten aufweisen.