Auf  einer Tagung des Archivs der deutschen Jugendbewegung vom 27. bis zum  29. Oktober 2006 auf Burg Ludwigstein zum Thema "Zurück zur Natur"und "Vorwärts zum Geist"; 100 Jahre Wickersdorf - eine kritische Vergegenwärtigung von Werk und Wirkung Gustav Wynekens, hatte ich mich dem Thema zugewandt

Wyneken - Makarenko.  Parallelen? 

 Dazu hielt ich einen Vortrag.

Unter dem Eindruck dieser interessanten Tagung und der Gespräche mit Teilnehmern, durch die ich Anregungen zu diesem Thema erhielt, habe ich weiter an dem Vergleich gearbeitet und stelle hiermit den bearbeiteten und ergänzten Vortrag (1  siehe Fußnoten am Ende des Manuskripts)   vor.

           

 

Seit Jahren beschäftigt mich die Frage nach den Zusammenhängen von ost- und westeuropäischer Reformpädagogik. Die Suche nach Parallelen folgt dem Streben nach einem Brückenschlag zwischen Ost und West. Schon gleich nach Öffnung der Mauer in Berlin ergriff ich die Möglichkeiten, meinen bisherigen Blick nach dem Osten mit einem nun erweiterten Blick nach dem Westen zu verbinden. Ein erstes Thema auf meinem Fachgebiet, der Vergleichenden Erziehungswissenschaft, war im Jahre1990: Anton Makarenko und Peter Petersen.[2] Mich bewegte unter anderem die Frage: Nach dem Jenaplan wird heute noch in vielen reformorientierten Schulen gearbeitet, trotz der offensichtlich faschistischen Sünden[3] seines Schöpfers. Aber warum wird Makarenko nach wie vor wegen seiner Huldigungen an Stalin und die Kommunistische Partei verdammt, obgleich seine Erziehungsmethodik eindeutig humanistisch orientiert ist, wie das so überzeugend in seinem Erziehungsroman „Der Weg ins Leben“ dargestellt ist? [4] 

Schon damals, als ich zu diesem Thema schrieb, richtete ich meinen Blick auf Wyneken. Die Konferenz auf Burg Ludwigstein „Zur kritischen Vergegenwärtigung von Werk und Wirkung Gustav Wynekens“ war nun Anlass, das Thema „Wyneken und Makarenko – Parallelen“ weitergehend zu bearbeiten. Dazu hat mich auch die Zusammenarbeit mit Götz Hillig aus Marburg inspiriert, dessen Untersuchungen zu den russischen und ukrainischen Beziehungen und Kontakten mit Wickersdorf ich begleitet habe. Inzwischen ist seine Arbeit zu den ukrainischen und russischen Kontakten mit Wickersdorf unter dem Titel : "Zumindest gibt es in Wickersdorf keine Kaiser, keine Gott und keine Kaserne....." Vier Zeugnisse aus Sowjet-Russland und der Sowjet- Ukraine über die Freie Schulgemeinde Wickersdorf (1922-1925) im Jahrbuch für Historische Bildungsforschung Band 12, Klinhardt 2006 erschienen.

 Schließlich ist das Anliegen dieses Beitrags aus der langjährigen – seit 50 Jahren – bestehenden produktiven Freundschaft mit Frohwald Naumann aus Ortmannsdorf – Mülsen wesentlich inspiriert worden. Er hat mir mit den Ergebnissen seiner Studien über Wickersdorf während seiner Tätigkeit an der Pädagogischen Hochschule im sächsischen Zwickau  in den 1970er Jahren wertvolle Anregungen gegeben.

 Der Blick aus der „Höhe“ der Tagung auf Burg Ludwigstein öffnete mir zudem den Blick auf Bernhard Uffrecht, der zu der „Garde“ deutscher Reformpädagogen gehört, auch wenn über ihn in der Forschung recht wenig zu hören ist.

Der Bruch, den dieser als einer der Leiter der FSG Wickersdorf mit Wyneken im Jahre 1919 vollzog[5], hatte zur Freien Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen geführt. Über diesen sehr originellen und konsequent reformerischen Schulversuch habeich auf Burg Ludwigstein und danach so viel erfahren, dass es mich gedrängt hat, ihn in diesen Vergleich mit Makarenko einzubeziehen. 

Bevor ich ins gewählte Thema zum Vergleich der beiden bedeutenden Pädagogen Gustav Wyneken und AntonMakarenko direkt einsteige, möchte ich auf eine Frage eingehen, die sich im Zusammenhang mit dem Vortrag von Ludmilla Obraszowa über „Reformpädagogische Ausstrahlungen in die Sowjetunion“ auf der Tagung gestellt hatte; es ist die Frage, wie es denn bei uns in der DDR mit der Reformpädagogik überhaupt bestellt gewesen sei.

 In der DDR gibt es Ähnlichkeiten mit dem von Obraszowa geschilderten Wandel in der Sowjetunion, wo es eine Anfangsperiode (die 1920er Jahre) gegeben hat, in der man sich ziemlich weitreichend dem Ideenfundus der Reformer des Westens, insbesondere der deutschen, aber auch amerikanischer Reformpädagogen zugewandt hatte, bis es zu einer administrativ verordneten Abkehr vom schöpferischen Suchen nach „neuen Wegen zur Erziehung des neuen Menschen“ kam. Ich benutze diese Formulierung, die am Anfang des „Pädagogischen Poems“, des außerhalb der Sowjetunion unter dem Titel „Der Weg ins Leben“ bekannten Erziehungsromans des sowjet-ukrainischen Pädagogen und Schriftstellers Anton Makarenkos steht.

Er gehört zu den großen Reformern und Erneuerern !

Eine der tragischsten Entstellungen seiner Pädagogik in der DDR war, dass mit einzelnen seiner aus dem Zusammenhang gegriffenen Aussagen nach dem IV. Pädagogischen Kongress im Jahre 1949, der zu einer radikalen Zuwendung zur Sowjetpädagogik aufrief, die Reformpädagogik zurückgedrängt worden ist.

Makarenko, der in seinem Wesen selbst ein entschiedener Reformer war, „verschwand“ offiziell in der DDR genau so, wie Wyneken nicht „hereingelassen“ wurde. Dieser hatte nach 1945, wie Eva Seeber mitteilt,[6]leider zu lange mit seiner Rückkehr nach Wickersdorf gezögert, die ihm von Walter Wolf, dem damaligen Volksbildungsminister des Landes Thüringen, angeboten worden war. Bald nach der 1947 gescheiterten Übersiedlung Gustav Wynekens von Hessen nach Thüringen wurde dort, von oben verordnet, der Schlussstrich unter all das nach dem Ende des Faschismus begonnene Suchen nach und Versuchen mit neuen Wegen der Erziehung eines „selbständig denkenden und verantwortungsbewusst handelnden“Menschen durch die genannte Umorientierung gesetzt. In der Zentralverwaltung für Volksbildung der SBZ beschäftigte man sich damals gerade mit der Abschaffung der Schülerselbstverwaltung, die 1948 verboten wurde.[7]

Wenn Wyneken hinter der Verweigerung der Einreise in die DDR im Jahre 1947 „die Herren in Berlin“ vermutete[8], so hatte er damit wohl allzu recht. Es gab dort offensichtlich Kräfte, die Wyneken nicht gut gesinnt waren und reformpädagogischen Neuanfängen skeptisch gegenüberstanden. Diese wurden ermuntert, als 1950 dem „Deutschen Pädagogischen Zentralinstitut“ in Berlin von Sowjetpädagogen[9] die „Empfehlungen“ gegeben wurden, mit dem reformpädagogischen Experimentieren aufzuhören und auch Makarenko etwas zur Seite zu rücken, weil man sich voll und ganz auf einen festgefügten Unterricht in einer Lernschule orientieren müsse.

Bernhard Uffrecht mit seinen Idealen der Demokratie im Staats- und Bildungswesen, die schon 1933 zum Verbot der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen durch die faschistischen Behörden geführt hatten, erlitt nun nach 1945 in der SBZ ein ähnliches Schicksal eines konsequenten Schulreformers, dessen Meinung nicht gefragt und gar missgedeutet, als der neuen sozialistischen Pädagogik „feindlich“ gegenüber stehend, bezeichnet wurde, und er genötigt war, in den Westen zu flüchten. 

Seit dieser unseligen Wende in der Bildungspolitik folgten in Ostdeutschland trotz alledem viele begeisterte Anhänger Makarenkos Ideen, die sie aus seinen Büchern schöpften.

Begünstigt wurde das dadurch, dass Makarenko ja ganz offiziell als „der“ sozialistische Pädagoge propagiert wurde.

In der Praxis konnte man seinen Ideen meist dort weitgehend folgen, wo der administrative Druck auf die Leiter der Erziehungseinrichtungen und die staatliche Kontrolle aus bestimmten Gründen geringer war oder auch starke Förderer „die Hände über sie hielten“. Hier möchte ich besonders die Schule im sächsischen Mosel bei Zwickau nennen. Dort gab es eine Schülerselbstverwaltung und produzierende Schüler-Werkstätten, die so viel Mittel erarbeiteten, dass eigene Ferienlager für die Schüler finanziert werden konnten.

Ähnliches ist von der Oberschule in Ehrenberg bei Altenburg bekannt. Die Direktoren dieser Schulen, Gerhard Ebersbach (Mosel) und  Erich Lange (Ehrenberg), waren starke Führungspersönlichkeiten, und ihre Einrichtungen waren auch als „Vorzeigeschulen“, mit denen man sich gewissermaßen „schmücken“ konnte, in Berlin anerkannt. So konnten diese Schulen ihr Makarenko zugewandtes Profil lange Jahre halten. Später setzten Kontrollen durch die Schulinspektion ein, die „nachwiesen“, dass man versäumt habe, die staatlichen, verbindlichen Lehrpläne zu erfüllen. Die schöpferische Atmosphäre im Schulkollektiv wurde stark eingeschränkt, die Rückkehr zur alten Lernschule erzwungen.

Aber es gab in der DDR neben den vielen namenlosen Anhängern seiner Ideen mindestens 30 Makarenkoschulen mit ähnlichen Erziehungskonzepten wie in Mosel und Ehrenberg. Direktoren dieser Schulen lernte ich auf einem Treffen zum 95. Geburtstag A.S. Makarenkos an der Oberschule Plessa bei Cottbus kennen. Zwei Drittel der Vertreter von Makarenko-Schulen kamen aus „Hilfsschulen“, den Förderschulen für schwach debile Kinder. Diesen Schulen war es in der DDR gelungen, sich zu Stätten einer liebevollen Zuwendung zum behinderten Kind zu entwickeln. Dort war eine Erziehung durch „Aufgabenbewältigung“[10]mit vielen kleinen Ämtern für die Schüler im Unterricht und vielen praktischen Arbeiten in Werkstätten präsent. Ich konnte mich während meiner Besuche an einer Reihe dieser Schulen, die mich zu Vorträgen über Makarenko und Suchomlinski[11] einluden, selbst davon überzeugen. Verantwortlich im Ministerium für Volksbildung für diese Schulen und auch für die Heime und Jugendwerkhöfe der DDR war ein Makarenkoforscher, Eberhard Mannschatz, der viel für die Makarenkorezeption in der DDR getan hat und noch heute aktiv für Makarenko und eine moderne Erziehungsmethodik streitet.[12]

 Nun zum Thema Wyneken und Makarenko – Parallelen.

Bei der Behandlung dieses Themas möchte ich, wie angekündigt, dort , wo es sich anbietet, einen Blick auf Bernhard Uffrecht wagen.

 Parallelen treffen sich ja bekanntlich erst in der Unendlichkeit, deshalb schien mir dieser Begriff treffend für die Charakterisierung des Verlaufs dieser west- und ostdeutschen Erziehungslinien, wobei eben auch jede ihren eigenen Ursprung und Anfang hat und mit einem bestimmten Abstand Berührungspunkte. Und um es vorweg zu nehmen, so vereinfacht, wie das schon mal versucht wurde zu deuten, verläuft keine gerade Linie von Wyneken zu Makarenko.

. Wyneken(1875 – 1964) und Makarenko (1888 – 1939) haben fast zeitgleich den Aufbruch zu neuen Wegen der Jugenderziehung zu Beginn des 20. Jahrhunderts miterlebt und nachhaltig geprägt.

Dafür stehen zwei weltbekannte Erziehungseinrichtungen:

Die Freie Schulgemeinde Wickersdorf, am 1. September 1906 von Gustav Wyneken mitgegründet, und die Gorki - Kolonie bei Poltawa in der Sowjetukraine, ab Ende des Jahres 1920 von Anton Makarenko zu einem „Experiment von Weltbedeutung“ (M.Gorki) entwickelt und mit seinem „Pädagogischen Poem“, dem Erziehungsroman „Der Weg ins Leben“ weltweit bekannt geworden.  

Wyneken ist der ältere von beiden, und er erarbeitete seine Erziehungskonzeption früher als Makarenko.

Wie von der Forschung herausgefunden wurde[13], hatte Makarenko Kenntnis über die FSG erhalten. In der Privatbibliothek von Makarenko, die sich im Museum in Krementschug befindet, gibt es eine Veröffentlichung aus dem Jahre 1913 über „Die gegenwärtigen pädagogischen Strömungen in Westeuropa und Amerika“.[14]Dort hat Makarenko – vermutlich während des Suchens nach Antworten auf die Herausforderungen der Gorki-Kolonie - jene Stellen angestrichen, die über die FSG Wickersdorf berichten, u.a. darüber, dass dort den Schülern eine größere Mitsprache in wirtschaftlichen Fragen der Lehranstalt eingeräumt wird, und dass sich diese in einem Walde befindet, und die Worte „v lesu“ (in einem Walde) hat Makarenko unterstrichen. Im Jahre 1923 schrieb er: „Übrigens gehen in Deutschland gerade die so genannten Waldschulen, die ebenfalls abgelegen sind und ebenfalls sämtlicher äußerer Anzeichen der gebildeten Gesellschaft entbehren[15], allen voran.“ [16]

 Ausgangspositionen und Ideen, die Wynekens und Makarenkos Praxis prägten, waren bei beiden – wie auch generell in West und Ost - grundverschieden, geprägt vom konkreten sozialen und ideengeschichtlichen Umfeld vor allem in ihren Ländern zu jener Zeit.

Wyneken stand unter dem Einfluss der deutschen Philosophie,vor allem der Ideen Friedrich Nietzsches und andererseits der Jugendbewegung des „Wandervogel“, der unter der Losung „Zurück zur Natur! Vorwärts zum Geist!“ für ein Aufbegehren gegen die zunehmende Verkommenheit und Verknöcherung der wilhelminischen Gesellschaft stand.

Wyneken war anfangs selbst einer der geistigen Begründer des „Wandervogel“, stellte ihm aber bald „seine“ FSG als Lern- und Lebensstätte gegenüber, die, wie er formulierte, „allein die Ideale der Kultur und des Geistes lebt“. Impulse für sein theoretisches Konzept hatte er vor allem durch das Studium der Philosophie geschöpft, die er mit einer Dissertation und dem Staatsexamen für den höheren Schuldienst abschloss.

 Makarenko soll sich nach den Erinnerungen seines jüngeren Bruders Vitalij[17]ebenfalls intensiv mit der deutschen Philosophie beschäftigt haben, und er habe auch Nietzsche gelesen. Ob er aber direkt von dessen berauschendem und sendungsverklärtem Blick auf „die Werdenden und die Zukunft“ beeinflusst worden ist, kann nur vermutet werden. Makarenkos philosophisches Denken war nicht so ausgeprägt , wie das von Wyneken. Makarenko hatte nicht wie dieser die Gelegenheit, langjährige Studien an Hochschulen zu machen; er hatte drei Jahre an einer Pädagogischen Fachschule studiert und die Lehrbefähigung für die „gehobene“ Grundschule (bis zur 7. Klasse) erworben. Seine „Universitäten“ waren – wie im Leben Gorkis, eines seiner geistigen Väter - die praktischen Tätigkeiten. Makarenko schöpfte seine Ideen aus dem gesellschaftlichen Leben und schließlich aus seiner Erziehungspraxis. Ihn motivierten vor allem die aufkeimenden neuen sozial-ökonomischen Bedingungen nach der Oktoberrevolution in Russland und in der Ukraine. Makarenko war begeistert vom Herangehen an den Menschen mit einer „optimistischen Hypothese“, wie es Gorki erklärt hatte.„Das Gute im Menschen muss stets projektiert werden, und der Pädagoge ist verpflichtet, das zu tun. Er muss mit einer optimistischen Hypothese an den Menschen herangehen, selbst wenn er dabei ein gewisses Risiko auf sich nimmt und Fehler begeht. Eben diese Fähigkeit, im Menschen das Bessere, Stärkere, Interessantere zu projektieren, muss man von Gorki lernen.“ So schrieb es Makarenko in seinem Aufsatz „Maxim Gorki in meinem Leben.“[18]Von diesem Optimismus beseelt, hat Makarenko seit 1920 sein Leben, seine ganze pädagogische Meisterschaft der edlen Aufgabe gewidmet, Waisenkindern der Revolution und des Bürgerkrieges in der Ukraine,verwahrlosten und obdachlosen Kindern und Jugendlichen, den Besprisornies, einen Weg ins Leben zu öffnen.

Er hat sie von Anfang an als vollwertige Menschen angesehen,allein die katastrophalen Lebensumstände hatten sie demoralisiert, zum gesellschaftlichen Bodensatz, wie es allgemein hieß, gemacht.

Und für sie sollte – dafür kämpfte Makarenko - ihre Kinder- und Jugendzeit eine frohe Zeit aktiver Selbstentfaltung zu schöpferischem Tätigsein werden. Wie Wyneken ging auch Makarenko davon aus, dass Jugendzeit vollwertiges Leben ist. „Kinder sind lebendiges Leben, herrliches Leben, und deshalb muss man sie wie Kameraden und Mitbürger behandeln, muss man ihre Rechte und Pflichten erkennen und achten, das Recht auf Freude und die Pflicht zur Verantwortung.“ So schriebes Anton Makarenko in seinem zweiten Erziehungsroman, „Flaggen auf den Türmen“.[19]

Mit dieser Auffassung stand Makarenko zu seiner Zeit auch in seinem Lande nicht allein. Zum Beispiel formulierte Schazki[20]: „Sie“( gemeint ist die Schule. E.G.-S.) „soll ein Ort organisierten Lebens der Kinder sein, und ihre vorrangige Aufgabe muss darin bestehen, den Kindern zu ermöglichen, heute, im gegenwärtigen Augenblick, zu leben, nicht aber, sie auf die Zukunft vorzubereiten.“[21] 

Wyneken war vom Mythos der Jugend als Zukunftsträger erfasst. Idealisierend sprach er der Jugend eine prädestinierte Rolle als bewusstes ideelles Element in der Menschheitsentwicklung, ja im Kosmos zu und mystifizierte dies auf vielfältige Weise.

 Auch Makarenko folgte mit Zielvorstellungen von der grenzenlosen Perspektive der Jugend in einer „neuen“ Gesellschaft einem ähnlichen Mythos, wie Wyneken. Makarenkos Ideal waren freie Menschen in einer freien, schaffenden Gemeinschaft.

 Als ich diesen Text verfasste, wurde ich von Hartmut Alphei[22]nach der Grundhaltung gefragt, die hinter dem pädagogischen Wirken Makarenkos stand. Ja, der pädagogischen Dreiheit von Pestalozzi stand er nahe, näher als Wyneken. „Erziehen mit Kopf, Herz und Hand“, bei einem Erziehungsverständnis, das in der Nähe der "Selbstwerdung " des jungen Menschen stand. Und was die Methode der Wirkungen betrifft, wie sie von Makarenko als Erzieher ausgingen, so stand er zwischen dem als Alternative gedachten „Führen oder Wachsen Lassen“, für ein dialektisches Miteinander von beiden Seiten bei der Gestaltung des Erziehungsprozesses. Er stand für die Tätigkeit des Erziehers als eines „Organisators“ des Lebens der Heranwachsenden, der nicht vorwiegend unmittelbar und verbal auf den Zögling einwirkt, sondern vielmehr erziehende Wirkungen durch Lebensgestaltung im Kollektiv, durch Einbeziehung des Zöglings in ein sinnvolles produktives und vielfältiges Gemeinschaftsleben in Gang brachte. Das war gewissermaßen eine Rückkehr zum Ursprung des erziehenden Verhältnisses zwischen Erwachsenen und Kindern in der gemeinsamen Tätigkeit, wobei vor allem die Beschäftigung mit den Dingen (Comenius) und das Vorbild, das Können der Erwachsenen erzieht. Jeder Fachmann, sei es der Agronom oder der Ofensetzer, war bei ihm in der Rolle eines Vermittlers von Wissen, Können und Verhaltensnormen. Er lehnte die Rolle eines „Erziehers“ ab, der sich nur auf die Aufsicht und eine verbale Einwirkung beschränkt und die „Kinder bei ihrer Tätigkeit stört“, und der nicht in der Lage ist, mit den Kindern zu arbeiten, zu spielen und zu leben. Ganz nahe kommt dieser Auffassung von Erziehung und Entwicklung mit der besonderen Betonung der Selbsterziehung die „erziehunsgfreie“ Schul- und Werksgemeinschaft Letzlingen.

 Bei Makarenko waren die Beziehungen zwischen Zögling und Erzieher wie bei Wyneken und noch mehr bei Uffrecht Beziehungen zwischen älteren, erfahreneren und jüngeren Kameraden, die nahezu gleichberechtigt in einer Gemeinschaft leben.

 Unterschiedlich war der Grad der emotionalen Färbung dieser Lehrer-(Meister) - Schülerbeziehungen, in die bei Wyneken prononciert als ein wesentliches Element der

 "Eros" trat.

 Makarenko pflegte eine Liebe zu seinen Zöglingen "auf Distanz". Seine Liebe und Achtung gegenüber seinen Zöglingen war in erster Linie rational begründet. Wie es Besucher seiner Kolonie feststellen konnten, liebte und achtete er seine Zöglinge sehr, und sie erwiderten diese Liebe und Achtung„ihrem Anton“ gegenüber. Allerdings mochte er nie die Position von Lieblingslehrern im Pädagogenkollektiv.

Diese Grund- und Ausgangspositionen, die sich ähneln, waren bei Makarenko definitiv Ausgangspositionen, die ihn zu seiner einzigartigen Erziehungsmethodik führten, der Erziehung des Einzelnen im und durch das Kollektiv, das unbedingt auch ein produzierendes sein muss.

 VieleÜbereinstimmungen zwischen Wyneken und Makarenko lassen sich in der Praxis ihrer Erziehungseinrichtung erkennen.

Liest man das „Pädagogische Poem“und „Flaggen auf den Türmen“ , so erinnert sich Margarete Mende-Hacks, die Schülerin in Wickersdorf war, „so spürt man darin unser Wickersdorf“. [23]

Wyneken selbst hat das „Pädagogische Poem“ mit großem Gewinn gelesen und die Erfahrungen und Ideen Makarenkos hoch gewertet. Zeitzeugen berichten, dass er ein begeisterter Anhänger der Erziehungskonzeption Makarenkos gewesen sei.[24] Inwieweit er aber in das Wesen seiner Erziehungsmethodik eingedrungen ist, das lässt sich nicht nachweisen und auch in der Praxis von Wickersdorf nicht erkennen.

 In beiden Einrichtungen, bei Wyneken und bei Makarenko,existierte ein, wie es Makarenko formulierte, souveränes erziehendes Gesamtkollektiv mit Organen der Selbstverwaltung , in denen Erwachsene, Kinder und Jugendliche nahezu gleichberechtigt wirkten. Wyneken spricht von einer „sich selbst erziehenden Gemeinschaft“.[25]

Hier und dort gab es Grundkollektive, die unmittelbaren Kontaktgruppen. Bei Wyneken waren das die Kameradschaften, die jedoch nur auf der Grundlage gleicher Interessen beruhten. Bei Makarenko wurden die Grundkollektive, die er „Abteilungen“ nannte, nach der Zusammenarbeit der Zöglinge in der Produktion gebildet. Diese Grundkollektive lebten auch im Heim zusammen, hatten ihre Schlafräume und gemeinsame Plätze im Speisesaal. Die Mitgliederzahl dieser Kollektive bestimmte Makarenko mit 7 bis 12, höchstens 15 Zöglingen. Aus der Erfahrung wusste er, dass eine kleinere Gruppe die Tendenz zu einem Freundeskreis hat, der oftmals nur den Interessen dieser kleinen Gemeinschaft folgt und schwer für Aufgaben der ganzen Erziehungsgemeinschaft zu begeistern ist. (Wahrscheinlich ähnelten die „Kameradschaften“ Wynekens eher solchen kleinen Gruppen). Sind in einer Gruppe mehr als 12 oder 15, so zerfällt diese Gemeinschaft meist schnell in kleinere Gruppen.

Neuere gruppensoziologische Forschungen haben diese Zahlen für das Grundkollektiv – Makarenko nannte es Primärkollektiv – bestätigt. Das Prinzip des freiwilligen Zusammenschlusses – wer mit wem – galt in der FSG wie in der Gorki-Kolonie, als sich dort das Gesamtkollektiv gefestigt hatte. Manchmal blieben nach diesem Wahlverfahren einige Zöglinge „übrig“, offenbar „Aussenseiter“. Für Makarenko war diese Situation eine Aufforderung dazu, spezielle erzieherische Vorgänge auszulösen, um den Einzelnen in ein Grundkollektiv einzuordnen, ihn einerseits zur Gemeinschaft hinzuführen sowie andererseits die Gemeinschaft zum Einzelnen hinzuführen.

In der FSG  m u s s t e sich jeder Neuaufgenommene innerhalb einer gewissen Frist um die Aufnahme in eine Kameradschaft bemühen.

 Hier muss auf gravierende Unterschiede in der Zusammensetzung des Gesamtkollektivs hingewiesen werden, die zwischen beiden Erziehungseinrichtungen bestehen. Bei Makarenko waren es verwahrloste, meist in Lumpen gehüllte „Herumtreiber“, sie kamen aus allen Schichten der Gesellschaft. Dagegen war bei Auswahl der Zöglinge für die meisten reformorientierten Internatseinrichtungen „Elitarität“ mehr oder weniger Prinzip. Die Eltern kamen aus gehobeneren Schichten, denn sie mussten ja die Einrichtung zum großem Teil finanzieren und bildeten sogar Kapitalgemeinschaften. Und hier war die Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen eine Ausnahme, denn dort gab es Mädchen und Jungen aus allen Schichten, wie bei Makarenko. Bei Uffrecht und bei Makarenko kann man höchstens von einer „Elitarität“ in Bezug auf das Erziehungsergebnis sprechen :

ihre Einrichtungen brachten die„Hefe“(!) für den Auftrieb des gesellschaftlichen Fortschritts hervor, was man gewissermaßen als den obersten Sinn reformorientierter Erziehungseinrichtungen überhaupt bezeichnen könnte.

So wurden auch bei Makarenko viele seiner Zöglinge dazu befähigt, „gehobene“ soziale Positionen einzunehmen, wurden Leiter in den verschiedensten Tätigkeitsbereichen, waren auch geistig-kulturell „produktiv“.

Die Mittel zur Unterhaltung der Einrichtung in der Ukraine wurden vom Staat und von der Gemeinschaft selbst gesichert. Einen Elternbeitrag (Schulgeld), wie in Wickersdorf und in den reformpädagogisch orientierten Heimen der Gegenwart, hat  es in sowjetischen Heimen und Internaten nie gegeben. Sie waren Bestandteil des allgemeinen unentgeltlichen Bildungssystems. Und alle Kosten für Investitionen in ihre reiche vielseitige Entwicklung wurden durch die produktive Arbeit der Gemeinschaft selbst erwirtschaftet, sodass sie in einem späteren Entwicklungsstadium nahezu unabhängig vom staatlichen Budget werden konnten. 

Die Zöglingsgemeinschaft bei Makarenko setzte sich zwar aus verwahrlosten jedoch psychisch und physisch normalen Kindern aus allen Schichten zusammen. Das berechtigte Makarenko zu der Feststellung, dass seine Erfahrungen überhaupt nicht unter besonderen Bedingungen entstanden sind und gültig für jedes normale Kinderheim sein könnten. Auch in allgemeinbildenden Schulen wäre sein System anwendbar, wobei hier von ihm immer eine richtige Arbeitsschule gefordert wurde, in der gewinnbringende produktive Arbeit in eigenen Produktionsstätten geleistet wird. Bestenfalls sollte es eine mit einem Betrieb verbundene Zulieferproduktion sein. Das Element der soliden produktiven Arbeit auf einem hohen technologischen Niveau zeichnet ja überhaupt die besondere Qualität der Erziehungseinrichtungen aus, die Makarenko schuf, und die von ihm geleitet wurden.  

Dem kommt der Charakter der produktiven Arbeit ganz nahe, die bei der Berufausbildung in den Werkstätten der Freien Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen von Bernhard Uffrecht organisiert worden ist. Mit dem Gewinn aus den Schülerarbeiten konnten auch Unterhaltskosten für nahezu drei Viertel der dortigen Schüler bestritten werden, deren Eltern nicht in der Lage gewesen wären, ein hohes Schulgeld zu bezahlen. 

Suchen wir noch weiter nach Übereinstimmungen so kann festgestellt werden, dass die Erziehungssysteme hier wie dort zielstrebig nach der Idee des jeweiligen Leiters geschaffen und geleitet wurden. Wyneken, formulierte in seinem Buch „Wickersdorf“, dass nach dem Willen und den Plänen des Leiters „ein selbst gefügtes Erzieherkollektiv“ entstand und funktionierte. Die Demokratie, so Wyneken, sei regulierend. Über die laufenden Angelegenheiten des täglichen Lebens der Gemeinschaft entschied, sowohl bei Makarenko, als auch bei Wyneken, die Vollversammlung der Erziehungseinrichtung, die vom Leiter mehr oder wenig dominiert war, das heißt, er brachte dort seine ganze Person mit Überzeugungskraft ein. Und beide wirkten in diesem Sinne als „Führerpersönlichkeiten“, für Wyneken war das eine seiner wichtigsten Erziehungspositionen überhaupt, auf die er des öfteren mit Nachdruck verwies.

 In allen diesen reformpädagogischen Einrichtungen gab es Organe der Selbstverwaltung als beschließende und die Ausführung organisierende und kontrollierende Gremien. 

Der Leiter verfügte – hier in Wickersdorf wie dort in der Gorki-Kolonie -über alle Rechte der Auswahl und des Einsatzes der in der Erziehungseinrichtung tätigen Erwachsenen.

 „Immerhin war es für Wickersdorf ein großer Vorteil, in der Auswahl seiner Lehrer von bürokratischen Beschränkungen fast unabhängig zu sein.“[26]

Freizügigkeit im Handeln des Leiters ist ja bekanntlich bis heute eine wichtige Bedingung für die freie Entfaltung von Kreativität und Profil der reformorientierten Erziehungseinrichtungen.

 Von Wickersdorf ist überliefert, dass es eine hohe Fluktuation im Lehrerkollektiv gegeben hat – wobei es allerdings eine kleineGruppe kreativer Lehrer gab, die das eigenartige Profil der FSG bestimmten, der Philosoph Gustav Wyneken, der Naturwissenschaftler und Literat Martin Luserke, der Komponist August Halm, der Spitzensportler Otto Peltzer .

Dagegen verfügte Makarenko über ein starkes beständiges Gesamtkollektiv von Erziehern, was einen hohen Grad der Erziehungseffektivität des Heimes gewährte. An dieser Stelle sei erwähnt, dass Makarenko einen „Effektivitätskoeffizienten“ des Pädagogenkollektivs berechnete. Dieser und damit die Erziehungseffektivität sei dann am größten, wenn die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Erzieher in der Einrichtung einen größeren Wert ergibt, als die Aufenthaltsdauer der Zöglinge.

 Ein wesentlicher Qualitätsunterschied zwischen der FSG und der Gorki-Kolonie besteht darin, wie schon erwähnt, dass das Gemeinschaftsleben in den Einrichtungen Makarenkos durch seinen Hauptbestandteil, die produktive Arbeit, eine höhere Qualität erreichte, als in der FSG; denn dort war das Leben der Gemeinschaft nur vom Lernen und einer vielfältigen, vor allem kulturellen Freizeitgestaltung ausgefüllt.

  Wynekens Erziehungskonzept war auf die Entwicklung des „Geistes“ und einer hohen Kultur seiner Zögling ausgerichtet. Er verfolgte - im Gegensatz zu den meisten anderen Reformern, wie z, B. Hermann Lietz und Paul Geheeb sowie in besonderem Maße Bernhard Uffrecht - nicht prononciert die Dreiheit Pestalozzis: „Erziehen und entwickeln mit Kopf, Herz und Hand“, die wir in einer ganz besonderen Qualität bei Makarenko wiederfinden.

Produktive Arbeit und Kollektiv waren bei Makarenko zwei sich durchdringende Grundelemente seines Erziehungssystems. Die Entwicklung des modernen Menschen konnte er sich ohne dessen aktive und bewusste kollektive Arbeit in einem modernen Produktionsbetrieb nicht vorstellen. Die logische Rechtfertigung von Verhaltensnormen des Einzelnen im Kollektiv, wie Pünktlichkeit, Sachlichkeit, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, Verantwortungsbewusstsein, Pflichtgefühl leiteten sich in Makarenkos Kollektiven in erster Linie von Anforderungen einer hohen Technologie des gemeinschaftlichen Arbeitsprozesses als Bestandteil der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklung ab.

Und schließlich ergaben sich auch aus einer exakten Organisation des Produktionsprozesses Anforderungen an eine ebenso exakte Organisation des Erziehungsprozesses. Da war jede Kleinigkeit, jedes Element in seiner Verknüpfung mit dem Ganzen von Bedeutung, wie er zugespitzt formulierte: mit einer Toleranz von 0,001 mm.

 Die Erziehungseinrichtungen als landwirtschaftlicher (Gorki-Kolonie) bzw. industrieller (Dzierzynski-Kommune) Betrieb schufen damit Bedingtheiten für die Entwicklung des Einzelnen, die von ihm ein bestimmtes Verhalten forderten. So gab es kein „bedingungsloses Wachsenlassen“. Das Wachsen des Einzelnen vollzog sich unter konkreten, für eine effektive Erziehung und Entwicklung bewusst von Makarenko mit seinen Mitarbeitern geschaffenen Lebensbedingungen. Eben dadurch prägten sich vor allem Persönlichkeitseigenschaften aus, die für jede gesellschaftlich-nützliche Tätigkeit in der Perspektive des Lebens der Zöglinge von Bedeutung sein können. Fähigkeiten, Fertigkeiten und Gewohnheiten, die sich ein Zögling in der produktiven Tätigkeit zum Beispiel auf dem Gebiete der Feinmechanik aneignete, bewährten sich auf anderer Ebene in seinen späteren beruflichen Tätigkeiten, auch auf geistig – kulturellem Gebiet , in allen den unterschiedlichen Tätigkeitsbereichen, wie sie entsprechend den persönlichen Neigungen und Talenten gewählt wurden. Letztere wurden von Makarenko wie von einem fürsorglichen Vater aufmerksam verfolgt. Er half seinen „Söhnen“ und „Töchtern“, sich für ihren beruflichen Lebensweg bewusst zu entscheiden. Er hat dabei auch im Einzelfall korrigierend, jedoch immer taktvoll eingegriffen, wenn sich ein Zögling in seiner Wahl „verrannt“ hatte und einen Beruf wählte, nur weil der gerade in Mode geraten war. In dieser Beziehung soll ja Wyneken ein härterer Forderer gewesen sein, der seinen Willen dem jüngeren Freunde nahezu aufgezwungen habe. Und viele der Jüngeren waren ihm dabei sogar vollständig und inniglich ergeben.

 Makarenko konnte einzigartige Entwicklungen seiner Zöglinge aufweisen und hatte einen ganz geringen Prozentsatz von „Ausschuss“; es waren nur einzelne, die entweder aus der Kolonie ausgeschlossen worden waren oder wegliefen und nicht wiederkamen.

 Das spricht für die Effektivität von Makarenkos Erziehungssystem. 

Ähnliches ließe sich sicher auch über die Ergebnisse der Erziehung in Wickersdorf sagen. Wobei diese nicht so eindeutig dem Wirken Wynekens zugeordnet werden können, da eraus bekannten Gründen nicht wie Makarenko ununterbrochen als Leiter der Erziehungseinrichtung tätig war.

 Das berührt nun allerdings einen weitergehenden Vergleichsaspekt des Wirkens von Wyneken und Makarenko. Das ist die Frage: waren im gleichen Maße Wickersdorf von Wyneken und Gorki-Kolonie und Dzierzynski-Kommune von Makarenko geprägt? 

Bekannt ist, dass sich schon eine kurzzeitige Abwesenheit Makarenkos von der Gorki-Kolonie dort zerstörend auswirkte[27]. Das spricht für ein Makarenko-dominiertes pädagogisches System mit seinen Vorzügen und Schwächen, eben der Gefahr seines Untergangs bei einem Wechsel des Leiters.[28]

 Anders in Wickersdorf. Denn die FSG war bekanntlich nicht allein das Kind Wynekens, in ihr wirkten aus unterschiedlichen Gründen neben, mit oder nach ihm, zeitweilig sogar gegen ihn Leiterpersönlichkeiten, die den Geist der FSG aufrecht erhielten, das Erziehungssystem fortführten und auch spezifisch prägten. Das spricht für die inneren Kräfte der FSG.

 Und noch ein Vergleichsaspekt: beide haben über  i h r  Erziehungskonzept geschrieben. Zumindest von Wyneken kann gesagt werden, dass er ein „Vielschreiber“ unter nahezu gleichbedeutenden Reformern in Deutschland war, er hat bei Lietz seine Tätigkeit begonnen und sie mit Geheeb fortgesetzt und ganz bestimmt manche Ideen seiner „Reformerkollegen“ in sein Ideenkonstrukt mit aufgenommen, ohne dass er das selbst reflektiert hat.

Makarenko scheint allein zu stehen als Gipfel in einer Wüste, wie es Leonhard Froese einmal formulierte. Ob es tatsächlich so war, möchte ich bezweifeln. Denn es gibt da Parallelen zu Schazki, teilweise auch zur Arbeitschulkonzeption Blonskis[29], natürlich aber Unterschiede in der Originalität eines jeden.

Für Makarenko gilt, dass er sich - wie Wyneken - auf keine anderen Pädagogen bezieht.

 Warum Makarenko in seinen pädagogischen Schriften niemanden zitiert, von dem er sich inspirieren ließ oder gelernt hat, ist eine Frage, die in der Makarenkoforschung schon oft gestellt wurde. Eine eindeutige Antwort gibt es dazu nicht. Wenn er keine deutschen Reformpädagogen zitierte, kann das damit erklärt werden, dass ab Mitte der 1930er Jahre jeder Pädagoge schärfsten Verfolgungen ausgesetzt war, der sich irgendwie auf deutsche, damals generell als „profaschistisch“ bezeichnete,Persönlichkeiten berief.

 Andererseits hatte er, wie auch Wyneken, ein überhöhtes Selbstwertgefühl , bei Wyneken sogar mit einer Neigung zum Sendungsbewusstsein.

Der Erfolg als Pädagoge und als Schriftstelller eines einzigartigen Erziehungsromans verführte Makarenko zu schwindelerregenden Höhenflügen. In seiner Eigenschaft als zeitweilig Verantwortlicher für alle Arbeitskommunen in der Ukraine plante er 1935 einen Zusammenschluss aller dieser Einrichtungen der Kinder- und Jugenderziehung nach seiner Methodik zu einem mächtigen Kombinat. Er sprach gelegentlich in voller Überzeugung davon, dass seine Erziehungskonzeption die einzig richtige sei, der man in allen ihren Einzelheiten folgen müsse.

 Ich meine jedoch und beziehe mich dabei auf Wolfgang Sünkel, dass Makarenko – bei Anerkennung all seiner einzigartigen Methodik bei der Organisation des Erziehungsprozesses - nicht  d e r  Gipfel in der Erziehungsmethodik ist, wie das von manchem seiner Verehrer gesehen wird. Er ist Glied einer Kette in der Entwicklung pädagogischen Gedankengutes von Weltbedeutung.

Der Wert Makarenkos in seiner Einzigartigkeit besteht darin, dass er nach und neben anderen Geniales in den Fundes der Ideen und Verfahren zur Entwicklung freier und selbstbewusster kundiger Bürger, ja Weltbürger eingebracht hat und damit zu einem Pädagogen von Weltbedeutung wurde.

 Das gilt auch für Wyneken; aber auch andere sollten nicht vergessen werden, wie der Vortrag von Ulrich Uffrechtauf dieser Tagung über die „Freie Schul- und Werkgemeinschaft Letzlingen“ und deren Schöpfer Bernhard Uffrecht überzeugend gezeigt hat.

Da gäbe es übrigens noch wesentlich mehr Übereinstimmungen mit dem Makarenko der Gorki-Kolonie anzumerken als im vorliegenden Beitrag bereits vermerkt. Es lohnt sich wohl mit einer umfassenderen darauf bezogenen vergleichenden Analyse nicht bis zum Jahre 2019 zu warten, wenn hoffentlich die Freie Schul- und Werkgemeinde Letzlingen genau so gewürdigt wird, wie Wickersdorf 100 Jahre nach deren Gründung.

 Eine vergleichende Rezeption des Gedankengutes dieser bedeutenden Pädagogen des frühen 20.Jahrhunderts wird sicher dann auf besonders fruchtbaren Boden fallen, wenn es gelingt, sich all dieser Bausteine pädagogischen Fortschritts zu erinnern und die Rezeption des Gedankengutes weiterer progressiver Pädagogen und Neuerer, die aus der Erziehungsgeschichte hervorragen, mit heran zu ziehen, um heute Erziehung effektiv zu gestalten und diese in der Praxis und in der Theorie weiter zu entwickeln.

 Vielleicht könnten auf diese Weise all jenen nützliche Denkanstöße gegeben werden, die sich heute mit Herz und Verstand der Jugend widmen.

 



[1]Vortrag auf der Tagungdes Archivs der deutsche Jugendbewegung „Zurück zur Natur-Vorwärts zum Geist“ 100Jahre Wickersdorf. Ludwigstein 27. – 29. Oktober 2006-

[2] Vgl.; E. Günther-Schellheimer. Peter Petersen und Anton Makarenko. Parallelen aus aktueller Sicht. In: S.E. Weitz, A.A, Frolov (Hrsg.). Makarenko in Ost und West. td publikation. Marburg. 1993. S.59 ff.

[3]Petersen begrüßte die „Gleichschaltung“ der Jugendbewegung in der Hitlerjugend als „naturgemäße organische Einordnung seiner Jugend in das Volk, und dass „neben der HJ, und z.T. unter ihrer unmittelbare Leitung, das vorbildliche Jugendherbergswerk, die deutsche Landschulheimbewegung und das Landjahr“ stehe. „Und um den Ring dieser großen Einheit zu schließen, so durchdringt derselbe pädagogische Geist die Erziehung des deutschen Soldaten in den Gliederungen des Heeres. Es ist eine große politische Erziehung, ausgerichtet nach demselben Ziele: der Volksgemeinschaft. Denn alles soll, nach den richtungsweisenden Worten des Führers, der Erneuerung, der Erhaltung und der Leistungssteigerung des Volkes dienstbar werden. Damit ist wieder ein oberstes  Bildungs- und Erziehungsziel gesetzt, das aus der völkischen Zerrissenheit zur Volkseinheit, aus einer auflösenden, volkszersetzenden Zeit in eine gemeinschaftsbildende Epoche hineinweist. Aus diesem Erleben und dem Mitschaffen an diesem Werk werden der deutschen Pädagogik die nächsten, heute schon erkennbaren Antriebskräfte kommen. In ihrer Mitte stehen die Fragen der Zucht und Ordnung, der Verantwortung und Führung“. In Peter Petersen: Pädagogik der Gegenwart. Berlin. Mittler. 1937

[4]vgl.:A. S. Makarenko. Werke. Siebenter Band. Publizistische Aufsätze. Berlin 1957.

[5]Wie sich Ulrich Uffrecht an seinen Vater erinnert, soll Wyneken Anfang 1919 nach der Rückkehr nach Wickersdorf kategorisch das Amt des Leiters zurückgefordert haben, das Bernhard Uffrecht an Martin Luserske nach dessen Rückkehr aus dem Kriege zurückgegeben hatte. Nach einer „dramatischen“ Sitzung der Schulgemeinde, in der sich Wyneken behaupten konnte, verließ Bernhard Uffrecht mit zwei Lehrern, fünf Schülern und zwei Schülerinnen Wickersdorf.

[6]Vgl. Eva Seeber: Gustav Wyneken und die Freie Schulgemeine Wickersdorf – ein schulreformerisches Zeitzeugnis der Jahre 1906 bis 1933 und ein Versuch einer Kooperation mit Gustav Wyneken im Jahre 1945. In „Wickersdorf 2006. In: 100 Jahre Wickersdorf.Erinnerungen und Beiträgezusammengestellt auf einer CD-ROM von Beate Broßmann. August 2006.

[7] Vgl.: Edgar Günther-Schellheimer. Makarenko in meinem Leben. Ein Beitrag zur Makarenkorezeption in der DDR und im geeinten Deutschland. NORA - Verlagsgemeinschaft Dyck & Westerheide(2005) S. 21.

[8] Eva Seeber a.a.O. S. 15 ff.

[9] Vgl. Christa Uhlig. Stalinismus (k)ein Thema für die Pädagogik? In: Pädagogik und Schulalltag 52 (1997). S. 267 – 268.

[10] Vgl.: E. Mannschatz . Gemeinsame Aufgabenbewältigung als Medium sozialpädagogischer Tätigkeit – Denkanstöße für die Wiedergewinnung des Pädagogischen aus der Makarenko-Rezeption. Trafo-Verlag. Berlin 2003.

[11]  Suchomlinski hat als Leiter einer Schule in der Ukraine, ähnlich wie Makarenko gearbeitet und darüber publiziert. Seine Bücher „Mein Herz gehört den Kindern“ und „Die weise Macht des Kollektivs“ wurden in der DDR viel gelesen.

[12] Vgl.: E. Mannschatz. www.mannschatz.com.

[13] Vgl .: L. Obraszova. Wickersdorf ein Vorbild? Reformpädagogische Ausstrahlungen in die Sowjetunion.

[14]Kapterev, P.F.; Muyčenko. M.F.: Sovremennye pedagogičeskie tečenija. Moskva 1913.

[15]Diese Bemerkungen beziehen sich auf einen ihm gegenüber geäußerten Vorwurf, dass sich sein Heim fern abgelegen von der Zivilisation im Walde befinde.

[16] MAKARENKO-Pädagogik 1995, S. 92.

[17] Vgl.: V.S. Makarenko, Erinnerungen an meinen Bruder (1971 – 1972).

 In: Götz Hillig (Hrsg.)Makarenko-Materialien III. Quellen zur Biographie des jungen Makarenko.

[18] A.S.Makarenko.Werke. Siebter Band.S.342.

[19] A.S.Makarenko. Werke. Dritter Band. 1971. S. 148.

[20]T. Schazki (1878 – 1934) sowjetrussischer Reformpädagoge, der am Rande der Großstadt Moskau 1911 die erste außerschulische kinder- und jugendklubartige Erziehungseinrichtung schuf, er nannte sie „Munteres Leben“ , was den Stil und Ton der zwischenmenschlichen Beziehungen kennzeichnete. In der Frühzeit der Sowjetunion wurde sein Versuch der außerunterrichtlichen Billdungs- und Erziehungsarbeit, wie auch Makarenkos Gorkikolonie zu einer Versuchseinrichtung, die von den zentralen Volksbildungsleitungen gefördert wurde.

[21] Schazki. VWV Berlin 1981. S.124.

[22]Einer der Organisatoren der Tagung auf Burg Ludwigstein, ehem. Leiter der Odenwaldschule undInitiator einer FördergemeinschaftWickersdorf in den 1990er Jahren.

[23] Margarete Mende-Hacks: Erinnerungen an Wickersdorf. In: Erinnerungen an Gustav Wyneken. 1966. Göttingen. S. 51.

[24] Vgl.: Alfred Kurella: Der Einfluß Gustav Wynekens auf meinen Werdegang. In: Humanistische Traditioin und sozialistische Gegenwart. 1906 – 1981.Herausgeber: Spezialschule EOS Wickersdorf 1981 S. 57.

[25] Wyneken. Wickersdorf. 1922. S. 22.

[26] Wickersdorf.a.a.O. S.10.

[27] Im Jahre 1924 hatte Makarenko aus diesen Gründen ein in Moskau begonnenes Studium abbrechen müssen.

[28]Hier muss jedoch angemerkt werden, dass der endgültige Weggang Makarenkos im Jahre 1928 aus der Gorki-Kolonie mit einer Verurteilung seines Erziehungssystems durch die Volksbildungsorgane und die führenden Pädagogen,wie er es formulierte „durch den pädagogischenOlymp“ zusammenfiel, und sich dann natürlich kein „Nachfolger“ fand.

[29]P:P: Blonski (1884 – 1941) begründete nach der Oktoberrevolution Produktionsschulen. Seine Schrift, 1918 in Sowjetrussland erschienen, wurde bereits 1921 in deutscher Sprache herausgegeben und fand im Westen große Beachtung vor allem unter den Vertretern der Reformschulbewegung.