Eberhard Mannschatz

Makarenko heute?
(Vortrag vor Studenten, Lehrkräften und Gästen an der Fachhochschule Braunschweig; im Januar 2007)

Mit Informationen über Makarenko und die Gorki-Kolonie sind wir versorgt worden durch Kollegen Dr. Hillig; beeindruckend durch die Heranziehung von Originalquellen und die akribische Recherche, die ihn zum ausgewiesenen Experten machen.
Auch ich war mein ganzes Berufsleben lang mit Makarenko befaßt, habe mich ihm aber auf andere Weise genähert. Während Götz Hillig der Deutungshermeneutik folgte und folgt, also herauszufinden bemüht ist, wie und warum Makarenko aus den Zeitumständen heraus so gedacht und gehandelt hat, stand für mich die Problemlage im Vordergrund, der er sich gegenüber sah, und das pädagogische Konzept, das er entwickelt hat.
Das hängt mit der Situation zusammen, in der ich auf Makarenko aufmerksam wurde. Im Osten Deutschlands standen wir nach 1945 vor einem radikalen Neuanfang. Die Kriegsfolgen mußten überwunden werden, viele Kinder und Jugendlichen waren ohne feste familiäre Bindungen, sie waren nicht ausreichend versorgt, gerieten auf Abwege. Zu den alten Methoden der Fürsorgeerziehung wollten wir nicht zurückkehren. Da war uns Makarenko willkommen. Auch er hatte gewissermaßen auf der grünen Wiese begonnen, pädagogisch einen Neuanfang gewagt. Eindringlich hat er das beschrieben in seinem "Pädagogischen Poem", das zu dieser Zeit in der DDR erschien und von vielen mit Aufmerksamkeit und Begeisterung gelesen wurde.
Bei der Suche nach einem pädagogischen Konzept für die Heime knüpften wir daran an. Dabei war uns klar, daß es nicht darum gehen konnte, Makarenkos Praxis sozusagen 1 : 1 zu übernehmen. Die Bedingungen waren nicht identisch; auch nicht das im jeweiligen nationalen Rahmen vor 1933 gewachsene pädagogische Gedankengut. Wir versuchten also die Kerngedanken Makarenkos zu erfassen, um sie unter Umständen modifiziert für unser Anliegen zu verwenden. Dabei ergaben sich durchaus Zugangsschwierigkeiten. Sie gruppierten sich vor allem um den Kollektivbegriff, der bei Makarenko eine zentrale Rolle spielt. Seine Interpretation war unter Wissenschaftlern und Praktikern der DDR keinesfalls eindeutig und einheitlich. Schöpferische und strittige Diskussionen hielten sich über Jahrzehnte.
Sie gewannen zudem eine Einfärbung dadurch, daß Makarenko auf eigentlich unerklärliche Weise in den Fokus der Systemauseinandersetzungen im Kalten Krieg geriet. Ihm wurde das Menschenbild einer kollektivistischen Persönlichkeit unterstellt, im angeblich krassen Gegensatz zu selbstbestimmter Individualität; und daran wurde der Unterschied zwischen Sozialismus und freiheitlich-demokratischer Ordnung im Westen festgemacht. Diese Gegenüberstellung trieb merkwürdige Blüten und behinderte und verfälschte die sachliche pädagogische Auseinandersetzung.

Für die Sozialpädagogik und Heimerziehung der DDR blieben wir bei Makarenko; aber in dem Sinne, daß wir uns von ihm haben anregen lassen. Wenigstens für mich persönlich nehme ich diese Vorgehensweise in Anspruch. Was ich an pädagogischer Konzeptionalisierung für Heimerziehung anteilig ausgearbeitet, ausgedacht, aufgeschrieben habe; dafür übernehme ich die Verantwortung und verstecke mich nicht hinter der Autorität des Großmeisters. Was man dafür oder dagegen vorbringen mag, bringt man für oder gegen mich vor; und ich muß mich dieser Diskussion stellen. So paradox das anmutet: Es ist unter dieser Herangehensweise eigentlich unerheblich, ob ich Makarenko richtig verstanden habe und richtig interpretiere. Ich trete für meine Hervorbringungen in die Schranken. Dabei verschweige ich nicht, daß ich mich von Makarenko habe anregen lassen, hebe sogar achtungsvoll seine Verdienste hervor; führe sie aber nicht als Autoritätsbeweis ins Feld.
Diese Art Umgang mit Theoriegeschichte ist bedeutsam für die Beantwortung der Frage, ob wir heute mit Makarenko etwas anfangen können.
Nicht geht es um "Für oder Wider Makarenko", sondern um unsere Überlegungen zu Gestaltung und Perspektive der Heimerziehung; wobei man vielleicht am Rande zur Kenntnis nehmen kann, daß einige von uns sich von Makarenko haben anregen lassen.

Das heutige Bild von Heimerziehungspraxis bietet sich differenziert und widersprüchlich dar; vor allem dann, wenn man die nüchterne Tatsache nicht verdrängt, daß Heimerziehung sozusagen "von Natur aus" Leben in einer Gemeinschaft ist. Unter diesem Blickwinkel enttäuschen Praktiken von gekünstelter Beliebigkeit, unverbundener Einzelbetreuung, einer quasi klinischen Verfaßtheit auf der einen und disziplinierendem Gruppendruck auf der anderen Seite. Aber es setzt sich auch zunehmend eine Projektorientierung durch, also eine Gemeinsamkeit, die sich um eine Aufgabe gruppiert, auf die sich alle Beteiligten freiwillig vereinbart haben. Das ist der Kern von erlebnispädagogischen Unternehmungen, deutet sich aber auch an in dem Bemühen, das Heimleben durch gemeinsame Erlebnisse und Vorhaben aufzulockern und anzureichern.
Ich sehe darin die Konturen eines pädagogischen Konzeptes, das ich in Kurzfassung als gemeinsame Aufgabenbewältigung bezeichne.
Genau dieser Gedankenzugang findet sich bei Makarenko. Die Gorki-Kolonie war ein gigantisches erlebnispädagogisches Projekt, wenn man so will; und zwar ein Projekt mit Ernstcharakter insofern, als es um die existentiellen Lebensgrundlagen ging, nämlich um Selbstversorgung und später wirtschaftliche Rentabilität.
Die Jugendlichen wurden gebraucht, man war aufeinander angewiesen. Neuankömmlinge wurden vor die Wahl gestellt, mitzuarbeiten oder "mit dem Schnellzug weiterzureisen". Beurteilung des Verhaltens erfolgte am Maßstab der Wahrnehmung von Verantwortung für die gemeinsame Aufgabenbewältigung. In gemeinsamer Konsensbildung etablierten sich zweckmäßige Strukturen und ein einverständlicher Verhaltenskodex. Die empfindlichste Strafe war der Ausschluß aus der Gemeinschaft. Kollege Hillig hat das alles plastisch beschrieben.
Selbst wenn Zweifel gehegt werden sollten, ob das in der Kolonie lebenspraktisch wirklich so war ("Dichtung und Wahrheit"), von diesem Grundgedanken der Projektorientiertheit sollte man sich anregen lassen.
Ich behaupte, daß eine solche inhaltlich-qualitative Ausgestaltung die Schicksalsfrage der Heimerziehung ist. Nur so gewinnt sie Zukunft und Perspektive. Sie darf nicht zur Unterbringung von Kindern und Jugendlichen im Stile von wegsteckender Versorgung oder gar Sicherungsverwahrung verkommen oder in einem solchen Zustand verharren.

In diesem Sinne bringe ich das pädagogische Konzept gemeinsamer Aufgabenbewältigung in die Diskussion ein. Wenn man so will, ist damit die Frage positiv beantwortet, ob man heute noch etwas mit Makarenko anfangen kann: Nicht durch Übernahme eins zu eins, sondern durch Rückgriff auf seine Gedanken und Praktiken als Anregungspotential.


Anmerkungen von Edgar Günther-Schellheimer

Das Herangehen von Eberhard Mannschatz verdient für einen schöpferischen Umgang mit dem Erbe Makarenkos Beachtung.

Zu bedenken möchte ich geben, dass sich hier der Autor nur auf den Erziehungsroman Makarenkos, sein "Pädagogischen Poem" bezieht, das aber nicht alleinige Grundlage für eine umfassende Makarenkorezeption sein kann. Im Abschnitt "Diskussion..." wurde bereits auf Makarenkos theoretisches Hauptwerk verwiesen "Methodik der Organisation des Erziehungsprozesses" , dessen grundlegende Positionen unbedingt in einem aktuellen Erziehunhgskonzept Beachtung finden sollten.